6 Gedanken zu „UFO170 FHP

  1. David

    Aber wenn jetzt alle anfangen Leute zu ignorieren, die unfundierte Theorien verbreiten … was soll dann aus eurem Podcast werden? 🙁

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  2. Fabian

    Hey,

    ich habe 2016 meine Master-Thesis über die Strukturmerkmale von Verschwörungstheorien geschrieben und fand eure kurze Diskussion am Ende der letzten Sendung sehr interessant, da ich mir diese Fragen vor drei Jahren auch gestellt habe und sie als Historiker beantworten konnte. Darum möchte ich euch nicht grübelnd sterben lassen. Ist doch nett, oder?

    Zunächst zu Stefans Frage, ob Wissenschaftler, bevor ihre Theorie bestätigt wird, nicht auch im Grunde Verschwörungstheoretiker sind, weil sich ihre Theorie einfach noch nicht hat belegen lassen: Nein. In der öffentlichen Diskussion wird – anders als in der Wissenschaftlichen Diskussion – zu wenig differenziert zwischen einer Verschwörungstheorie (Theorie, dass ein Ereignis oder eine Entwicklung das Ergebnis einer Verschwörung ist) und „selbstreferentieller“ Verschwörungstheorie (Theorie, die versucht, ihren Gegenstand mit dessen Unsichtbarkeit zu beweisen): Theorien über Verschwörungen sind nichts böses. Sie sind zunächst falsifizierbar und die Geschichte zeigt, dass es durchaus (Jetzt nicht erschrecken!) auch reelle Verschwörungen gegeben hat. Der Watergate-Skandal ist dafür ebenso ein Beispiel wie ein Mordkomplott der CIA gegen Fidel Castro, die Entführung und Verschleppung von Terrorverdächtigen in geheime Foltergefängnisse durch die CIA nach 9/11, die Morde an Walther Rathenau oder schon am alten Julius Caesar.

    Bei jenen Theorien, die wir in der Regel als „Verschwörungstheorien“ bezeichnen und ablehnen, tritt eine wichtige Komponente hinzu. Sie sind „selbstreferentiell“: Wollen Verschwörungstheorien wissenschaftlichen Wahrheitsansprüchen genügen, müssen sie auf reale Gegenstände (überprüfbare Fakten) referieren. Eine Theorie, die auf „geheime“ Dokumente, Gruppen und Informanten verweist, die nur innerhalb der Theorie selbst existieren, entbehrt aber jeglicher Überprüfbarkeit. Sie ist weder verifizierbar, noch falsifizierbar und darum als wahrheitsbeanspruchendes Erklärungsmodell kategorisch abzulehnen.

    Eine abzulehnende Verschwörungstheorie wäre also eine der Art, die versucht, die Existenz ihres Gegenstandes mit dessen Unsichtbarkeit zu beweisen. Gruppen, „von deren Innenleben die Allgemeinheit […] keine genauen Vorstellungen besitzt“, sind besonders häufig Gegenstand selbstreferentieller Verschwörungstheorien. Dazu zählen religiöse Gemeinschaften wie Juden, Ketzer und Hexen, Orden wie die Templer und Jesuiten, Geheimbünde wie die Illuminaten oder Freimaurer, Kaderparteien und Geheimdienste, doch auch Börsianer oder diskrete Denkfabriken wie die Bilderberger-Konferenz. Intransparenz und Geheimniskrämerei der Verschwörer sind Grundkonstanten aller selbstreferentiellen Verschwörungstheorien.

    Dazu zählte die Theorie Galileis nicht, da er sich ja die größte Mühe gab, das heliozentrische Weltbild durch Experimente und Beobachtungen zu verifizieren – zumindest habe ich das so bei Brecht gelesen. Für Galilei bin ich kein Experte…

    Noch lustiger bzw. unwissenschaftlicher werden selbstreferentielle Verschwörungstheorien dann, wenn sie durch Rhetorik, pseudowissenschaftliche „Belege“, Vermischung von Theorie und Empirie, die Prinzipien pars pro toto und cui bono oder mit angeblich versteckten Bedeutungen in augenscheinlichen Dingen versuchen, von ihrer Selbstreferentialität abzulenken.

    Nur soviel zur Rhetorik: Wenn die Verschwörungstheorie ins Wanken gerät, weil jemand auf ihre Selbstreferentialität hinweist, wird oft nicht gegen die Gegenargumente vorgegangen, sondern gegen den Argumentierenden. Er wird zum Mit-Verschwörer, Troll, zur Marionette, Sheeple etc. erklärt und damit zu einem Teil der Theorie selbst. Dies kann so weit gehen, dass sich eine „monokausale“ Verschwörungstheorie mit universalem Erklärungsanspruch entwickelt: Die Theorie immunisiert sich gegen jegliche Argumente: Ein Mangel an Beweisen für die Theorie wird als Beweis gedeutet („Die Verschwörer sind gerissen“, „Die CIA hat die Beweise verschwinden lassen“); Gegenbeweise werden als Beweise gedeutet (sie seien Täuschungs- und Geheimhaltungsversuche der Verschwörer). Aufgrund dieser Autoimmunisierung sollte darum bei keiner Verschwörungstheorie (unabhängig von ihrem Inhalt bzw. Gegenstand) im Fokus stehen, sie durch inhaltliche Argumente zu widerlegen. Vielmehr muss man sich die Frage stellen, wie man deren Anhänger von ihrem irrationalen Glaubenssystem abbringt – z.B. indem man immer wieder die Selbstreferentialität aufdeckt.

    Florentin hat noch gefragt, wie Verschwörungstheoretiker es denn hin bekommen, sich miteinander zu unterhalten, da ihre Theorien sich ja gerade gegenseitig ausschließen. Tatsächlich lassen sich schon die verbreitetsten Theorien zu 9/11 in vier Gruppen aufteilen. Sie gehen von einer Mitwisserschaft und bewusster Untätigkeit der „Geheimdienste und Behörden“ entweder nur der USA oder auch Israels aus („Let it happen“), wohingegen andere Theorien von der aktiven Beteiligung der amerikanischen und/oder israelischen Geheimdienste ausgehen („Made it happen“).

    Die sogenannte „Verschwörungsmentalität“ ist ein messbares psychologisches Phänomen im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien. Als solches bezeichnet die Sozialpsychologie die allgemeine Bereitschaft, mehrere Verschwörungstheorien in das eigene Weltbild einzubauen, selbst wenn sich diese gegenseitig logisch ausschließen. Diese Mentalität gilt „als zeitlich relativ stabiles Merkmal“ vor allem angesichts gefühlter Kontrollverluste über das eigene Leben und die politische Mitbestimmung. Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen und Langzeitarbeitslose stellen darum Risikogruppen dar. Die sozialpsychologische Studie von Sebastian Bartoschek ist mit 95 aufgenommenen Verschwörungstheorien die bisher umfassendste Breitbandstudie dazu. Sie zeigt, dass Menschen gleichzeitig daran glauben können, dass die Welt von den Jesuiten und den Juden regiert wird. Gerade die planzentrierte Theorien wie die von der „Neuen Weltordnng“ (NWO) haben die Eigenschaft, andere Theorien aufzunehmen und eizubauen: Man ist sich einig über den „geheimen Plan“, der im Hintergrund abläuft, während die Gruppe der Verschwörer (noch) nicht genau bestimmbar ist.
    Ich hoffe, ich konnte etwas strukturieren, was Ihr euch sicher schon so ungefähr gedacht habt.

    Beste Grüße
    Euer Hörer Fabian

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  3. Markus Renger

    Taice (sry falls falsch geschrieben) soll wählen dürfen?
    Also die kann ja nicht mal Punk richtig definieren!

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